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Keep The Lights On

ein Film von Ira Sachs

US 2016, 94 Minuten, englische OF mit deutschen UT

Keep The Lights On

ein Film von Ira Sachs

Tieftraurig und wunderschön

Über eine Telefon-Dateline lernt der Filmemacher Erik Ende der 1990er den jungen Anwalt Paul kennen. Nach dem Sex lässt er seine Telefonnummer da. Nach dem zweiten Mal fragt Paul, ob Erik nicht über Nacht bleiben will. Ein paar Wochen später hat Paul seine Freundin verlassen und die beiden ziehen zusammen. Über die nächsten neun Jahre verläuft die Beziehung stürmisch und unvorhersehbar – und wird immer wieder von Pauls Cracksucht auf harte Proben gestellt. Die beiden können nicht mit- und nicht ohneeinander leben.

Getaucht in die warmen Farben eines schon wieder historischen New Yorks, explizit in der Darstellung von Sex und Drogensucht, aber auch von Zärtlichkeit und Nähe, ist „Keep the Lights On“ mit seinen vielen Referenzen an Künstler wie Avery Willard und Arthur Russell, dessen Songs den Soundtrack bilden, auch eine Hommage an die queere Kultur New Yorks.

Trailer

Director’s Statement
Ira Sachs über seinen Film

Ich war 20 Jahre lang nicht bereit, die Geschichte von „Keep the Lights On“ zu erzählen. Nicht, weil die Ereignisse, die ich erzählen wollte, zu weit weg waren, sondern ich einen ehrlichen und ernsthaften Film über mein Leben und mein Verhalten erzählen wollte. Das war eben schwierig, bis es nicht mehr schwierig war. Als ich anfing, mit Mauricio Zacharias an dem Buch für diesen Film zu arbeiten, sprachen wir mehrere Monate von einem Film namens „Scheiße, ich werde ja weiter leben!“ („Oh Fuck, I’m Going To Live“). Die zugrundeliegende Idee war, von Männern zu erzählen, die überlebt hatten und nun nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Wir wollten einen Film über den Einfluss von Aids und die Aidskrise erzählen, aber auch über die Konsequenzen des Sich-Nicht-Zeigens, über die Feindseligkeit, in der wir aufgewachsen sind.

Wir haben Menschen verloren. In meinem Kurzfilm „Last Address“ ging es um die Leerstelle einer Generation von Künstlern, vor allem der, die wir in New York verloren haben, die eine Kultur geschaffen hatten und plötzlich verschwunden waren. Jetzt geht es um unsere Gegenwart. Das ist ein aufregendes Thema.

Es gibt unter queeren Filmemachern jetzt ein Aufwachen: Unsere Geschichten sind wertvoll, es gibt Wege, sie zu erzählen und wir können für sie Unterstützung finden, wenn wir es kreativ anstellen. Und das Starke und Politische daran ist, dass wir aus einer Geschichte kommen, in der unsere Geschichten nicht erwünscht waren.

An einem bestimmten Punkt wollte ich meinem Film zwei Namen geben. Einer war „Scham“, der andere „Das Versteck“. Er handelt vom Leben von Menschen, die als Heranwachsende alles über Sex in Begriffen von Scham und Geheimnis gelernt und das in ihre Beziehungen und die schwule Kultur eingebracht haben. Und das zumindest wollte ich ins Gespräch bringen, ohne Verurteilung: Was haben wir als schwule Männer für Sachen gelernt und in unser gesellschaftliches Leben eingebracht, das heute nicht mehr funktioniert? Und ich finde das große Thema der Drogen sehr wichtig: Sie waren das Feuer, aber auch das dort hinein gegossene Öl für unsere Szene, wie sie es für die afroamerikanische Kultur in den 1970ern und 1980ern waren. Sie flammten nach der Aids-Epidemie durch unsere Szene und es war eine große Sauerei.

Aus einem Gespräch zwischen Ira Sachs und David France für das Magazin „Filmmaker“, 19. Juli 2012

Galerie

Hintergrund

AVERY WILLARD: Der Fotograf, Filmemacher, Performer und Homo-Aktivist Avery Willard, auch unter dem Pseudonym Bruce King bekannt, wurde am 16. Mai 1921 als Avery Willard Parsons Jr. in Marion, Virginia, geboren. Der leidenschaftliche Kino- und Theaterfan arbeitete während des Zweiten Weltkriegs im Amt für Kriegsveteranen in Washington und zog danach nach New York, wo er in Theaterstücken mitspielte. Zu dieser Zeit begann er zu fotografieren und eröffnete schließlich ein Studio nahe der Fifth Avenue. Während er weiterhin bei Off-Broadway-Produktionen vor und hinter der Bühne tätig war, entstanden zwischen 1940 und 1960 unzählige Porträts von SchauspielerInnen, MusikerInnen und TänzerInnen (u.a. von Richard Burton, Montgomery Clift, Lillian Gish, Charlton Heston, Jane Mansfield, Lotte Lenya, Paul Newman, Leonard Bernstein, Nat King Cole und Pablo Casals), aber auch Dokumentationen von Theaterproduktionen (Off-Broadway und Broadway), die Willard in der Jahreszeitschrift „Theatre World“ publizieren konnte. Außerdem gehörte er zum festen Fotografen-Stab des American National Theatre and Academy (ANTA). Über die Kunst der Collage, ein besonderes Interesse Willards, veröffentlichte er 1953 einen Essay im „Photography Handbook #175“. Kurz nach den Stonewall Riots (1968) publizierte Willard unter dem Namen Bruce King ein Magazin namens „Gay Scene“. Die letzte Nummer erschien 1992. Außerdem scheint er eine Produktionsfirma namens „Ava-Graph“ gegründet zu haben, die pornographische Filme herstellte. Im Jahr 1992 taucht Willards Name in Newslettern der Fieldston-Lodge-Pflegeanstalt in Riverdale, New York, auf, in denen er über das Personal und sein Leben als Fotograf der Stars schrieb. Am 7. September 1999 starb Avery Willard im New Yorker Stadtteil Bronx. Ira Sachs, der sich für Avery Willard als einen wichtigen und zu Unrecht vergessenen Chronisten der New Yorker Schwulenszene interessiert, produzierte zusammen mit Cary Kehayan parallel zu „Keep the Lights On“ den Dokumentarfilm „In Search Of Avery Willard“, von dem er Ausschnitte auch in seinem Spielfilm verwendete. Uraufgeführt wurde er beim 2012 New Jersey International Film Festival.

ARTHUR RUSSELL war ein Komponist und Multi-Instrumentalist, der während der Downtown-Ära im New York der siebziger Jahre in verschiedenen musikalischen Stilrichtungen von Minimal Music, über Hip Hop, Punk und Pop bis hin zu Disco seine Spuren hinterlassen hat, selbst aber zu Lebzeiten nie berühmt geworden ist. Geboren 1951 in Oskaloosa, Iowa, lernte Russel als Kind Klavier und Cello und komponierte eigene Musikstücke. Ende der 1960er ging er nach San Francisco, lebte in einer buddhistischen Kommune, lernte klassische indische Musik und westliche Kompositonstechniken und begleitete Allen Ginsberg bei Lesungen auf dem Cello. 1973 zog Russell nach New York und kam an der Manhattan School of Music in Kontakt mit serieller und elektronischer Musik. Enttäuscht vom akademischen Betrieb, wurde er für zwei Jahre Leiter der „Kitchen“, einem Performance-Ort der Downtown-Avantgarde-Szene. Zwischen 1975 und 1979 war Russel Mitglied der Band „The Flying Hearts“, spielte mit anderen Musikern aber auch Instrumentalmusik- und Pop-Alben ein. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre entwickelte Russell mit unterschiedlichen Musikern und Künstlern unter den Bandnamen „Dinosaur“ und „Loose Joints“ Underground-Disco-Stücke wie „All Over Your Face“, „Pop Your Funk“ und „Go Bang“, die zwar in der Szene weite Verbreitung fanden, aber darüber hinaus keine Hits wurden. Auf Phillip Glass’ Privatlabel veröffentlichte er zeitgleich sein einziges Neue-Musik-Album „Tower Of Meaning“ (1983), das ursprünglich für eine „Medea“-Inszenierung von Robert Wilson konzipiert war. Russells Musik entwickelte sich weiter und streifte Hiphop, Tech House und Electro Pop, während er live meistens in kleinen Besetzungen oder nur mit elektronisch verstärktem Cello auftrat. Als diskographisches Meisterwerk gilt das intime, 1986 erschienene „World Of Echo“, das allerdings ein kommerzieller Flop war. Kurz nach der Veröffentlichung wurde bei Russell HIV diagnostiziert. Trotz gesundheitlicher Schwierigkeiten blieb er bis zu seinem Tod am 4. April 1992 in der New Yorker Musikszene aktiv. Ab 2004 setzte mit der Veröffentlichung mehrere Sampler eine Wiederentdeckung der Musik Arthur Russels ein. Spätestens seit dem Dokumentarfilm „Wild Combination“ von Matt Wolf, 2008 auf der Berlinale uraufgeführt, und der Biografie „Hold On To Your Dreams“ von Tim Lawrence (2009) ist sich die Musikwelt einig, dass Arthur Russell einer der originellsten Musiker und Komponisten des 20. Jahrhunderts war. Ira Sachs verwendet in „Keep the Lights On“ Musik von Arthur Russell aus allen Schaffensphasen. Sie dient einerseits als Hommage auf die queere Avantgardeszene New Yorks, begleitet aber auch erzählerisch die mehrjährige Beziehung der beiden Hauptfiguren.

Biografien

IRA SACHS (Buch & Regie): Geboren 1965 in Memphis, Tennessee, seit 1993 als Filmemacher und Drehbuchautor aktiv. Seinem Kurzfilm „Lady“ ließ er erst 1997 das Spielfilmdebüt „The Delta“ folgen. 2005 folgte der in Sundance mit dem Preis der Jury ausgezeichnete „Forty Shades Of Blue“ mit Rip Torn in der Hauptrolle, 2007 „Married Life“ mit Pierce Brosnan, Chris Cooper und Patricia Clarkson. Sein Kurzfilm „Last Address“ über New Yorker Künstler, die an den Folgen von Aids gestorben sind, wurde in die ständige Sammlung sowohl des Whitney Museums of Modern Art als auch des MoMA aufgenommen und 2011 im Rahmen der Kunstbiennale in Venedig aufgeführt. Neben dem Spielfilm „Keep the Lights On“ entstand zeitgleich der Dokumentarfilm „In Search Of Avery Wilard“. Sachs unterrichtet am Graduate Film Department an der New Yorker Universität und ist Mitglied der Akademien MacDowell Colony und Yaddo. Außerdem ist er Gründer und Co-Kurator von „Queer/Art/Film“, einer monatlichen Programmreihe am IFC Center in New York, sowie Initiator der „Queer/Art/Mentorship“, einem Mentorenprogramm für queere New Yorker Künstler.

THIMIOS BAKATAKIS (Kamera): Geboren 1970 in Athen. Er war Absolvent der Athener Stavrakos-Filmhochschule und begann nach seinem Abschluss 1997 sofort mit der Arbeit als Kameramann bei diversen Musikvideos und Werbespots. Für seinen Beitrag zum Audi-A2-Spot erhielt er den Kamerapreis bei den griechischen Werbepreisen. Bakatakis zählt zu den wichtigsten Kameramännern seiner Generation. Zu seinen Spielfilmarbeiten gehört der griechische Oscar-Kandidat und Preisträger von Un Certain Regard, „Kynodontas“ („Dogteeth“, 2009), sowie der gefeierte „Attenberg“ (2010) von Athina Rachel Tsangari. „Keep the Lights On“ ist die erste Arbeit von Bakatakis außerhalb Griechenlands.

THURE LINDHARDT, geboren 1974 in Kopenhagen, gilt als einer der vielseitigsten und talentiertesten dramatischen Schauspieler Dänemarks. Er war bereits als Kind in Filmen wie „Pelle der Eroberer“ (1987) und in der Hauptrolle der Theaterfassung von „Die unendliche Geschichte“ in Roskilde zu sehen. Er schloss 1998 sein Studium an der Theaterschule von Odense ab und debütierte in einer Inszenierung von „Shoppen und Ficken“. 1999 wurde er für den Reumert Award als Bester Nachwuchsdarsteller nominiert und spielte in der von Lars von Trier produzierten Fernsehserie „Morten Korch – Ved stillebækken“ mit. 2000 wurde er im Kontext seiner Leistung im Berlinale-Wettbewerbsteilnehmer „Her i nærheden“ (Regie: Kaspar Rostrup) als European Shooting Star vorgestellt. Seitdem ist Lindhardt durchgängig in Spielfilmen und TV-Serien aktiv. 2004 spielte er neben Daniel Brühl in „Was nützt die Liebe in Gedanken?“, 2008 erhielt er eine Nominierung beim Europäischen Filmpreis für seine Leistung in „Tage des Zorns“. Dank seiner Fremdsprachenkenntnisse ist Lindhardt in ganz Skandinavien, in Deutschland und den USA aktiv. In Hollywood spielte er erfolgreich in Ron Howards „Illuminati“ (2009) und in Sean Penns „Into The Wild“ (2008). Zudem spielt er die Hauptrolle des Priklopil in Sherry Hormans Natascha-Kampusch-Verfilmung „3096 Tage“ (2013).

ZACHARY BOOTH, 1983 geboren, wurde durch seine Rolle als Sohn von Patty Hewes (Glenn Close) in der mit Emmys und Golden Globes ausgezeichneten TV-Serie „Damages“ (seit 2007) bekannt. Zuvor spielte sich seine Karriere vor allem in Off-Broadway-Theaterproduktionen ab. Seit 2011 ist Booth allerdings vermehrt in Kinospielfilmen zu sehen, u.a. im Horrorthriller „The Blue Eyes“, in Todd Solondzs „Dark Horse“ und in Jodie Fosters „Der Biber“.

Credits

Cast

Erik

Thure Lindhardt

Paul

Zachary Booth

Claire

Julianne Nicholson

Karen

Paprika Steen

Alassane

Souleymané sy Savané

Igor

Miguel del Toro

Dan

Justin Reinsilber

Crew

Buch & Regie

Ira Sachs

Kamera

Thimios Bakatakis

Schnitt

Affonso Gonçalves

Musik

Arthur Russel

Produktionsdesign

Amy Williams

Artdirector

Laura Miller

Kostümdesign

Elisabeth Vastola

Sounddesign

Damian Volpe

Herstellungsleiter

Tory Lenovsky

Casting

Avy Kaufman

Beteiligte Produzenten

Iddo Pratt, Alex Scharfman

Ausführende Produzenten

Lars Knudsen, Jay van Hoy, Jawal Nga, Ali Betil, Adam Hohenberg

Produzenten

Marie Therese Giurgis, Lucas Joaquin, Ira Sachs

eine Produktion von Parts and Labor, Post Factory NY Films, Tiny Dancer Films, Alarum Pictures, Film 50
Weltvertrieb: Films Boutique

im Verleih von Salzgeber